Wie Hins und Kuns Silvester verbringen

Raketen

Herr Hins klingelt bei Herrn Kuns. Heute ist Silvester. Neunzehn Uhr dreißig. Die Nachbarskinder von Herrn Kuns sind dermaßen unflätig mit ihren in rotes Pergament gehüllten Schinken der Zeit voraus, dass Herr Hins zwischen dem Geböllere nicht hört, ob es nun in der Villa von Herrn Kuns geklingelt hat. Sicherheitshalber klingelt Herr Hins noch einmal bei Herrn Kuns.

Den ganzen Tag über hatte sich Herr Hins Gedanken gemacht. Wie jedes Jahr. Was sollte sich im neuen Jahr ändern? Man könnte die großen Dinge angehen. Mehr Geld, mehr Frauen, mehr Kinder, weniger wiegen, weniger saufen, ein Haus bauen, eine Weltreise machen, US-Präsident werden. Oder Papst. Aber Herr Hins sieht das anders. Er hat ja Herrn Kuns. Der macht ihm immer wieder vor, wie es sein könnte. Herr Kuns verdient viel, ist groß und schlank, fährt Bentley, ist glücklich verheiratet, leistet sich trotzdem ein Verhältnis, hat zwei Kinder, die bereits flügge und außer Haus sind – einer in Südafrika und eine in Australien – und bereist die Welt. Denn Herr Kuns ist tatsächlich US-Präsident. United Steel Inc. heißt sein Reich, ein internationales Stahlimperium mit Glanz und Gloria. Als Buchhalter dieses Imperiums weiß Herr Hins, dass neben Glanz und Gloria auch Waffen gehandelt werden. Aber das weiß Gloria nicht. Sie weiß auch nichts von Lydmila Glanz, der hübschen russlanddeutschen Sekretärin von Herrn Kuns. Statt dessen hütet sie die viel zu große Villa, putzt, macht und tut, und chattet mit ihren Kindern in der großen weiten Welt, die ihr selbst verschlossen bleibt.

Herr Hins wirft einen Blick auf den schwarzen Bentley in der Einfahrt. Ein Geschenk eines Geschäftspartners. Eines afrikanischen Geschäftspartners. Gloria öffnet die Tür und bittet Herrn Hins lächelnd herein. Luftschlangen streichen ihm durch das Gesicht. Es duftet nach Rosen und Fonduefett. Gut gelaunt erscheint Herr Kuns und reicht Herrn Hins die Hand, wobei er verstohlen aus dem Fenster schielt. Ist jemand vorm Haus? Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Präsident und Buchhalter muss geheim bleiben. Herr Hins verdankt Herrn Kuns sein spärliches Leben. Als Herr Hins vom Alkohol zerfressen am kalten Boden lag, hat Herr Kuns ihn aufgehoben, ihm Arbeit, Perspektive und Freundschaft gegeben. Während sein afrikanischer Geschäftspartner in seinem Heimatland grinsend seine vielen hübschen Stahlkisten öffnete. Herr Hins weiß warum Herr Kuns seine Freundschaft braucht.

Herr Kuns bittet Herrn Hins in den Speisesaal. Herr Hins, der Herrn Kuns folgt, sieht, dass Herr Kuns noch weiter abgenommen hat. Das riskante Leben auf der Überholspur zehrt an ihm. Beim spritzenden Fondue wird nicht über das US-Imperium gesprochen. Sondern über Herrn Kuns. Und sein Leben. Es gibt viel zu erzählen. Fremde Städte, neue Errungenschaften, die hipsten Bars, die insten Köche. Herr Hins lauscht den Geschichten aus einer anderen Welt und lässt sich fesseln. Herr Kuns entführt ihn in das Leben, das er nicht haben kann. Herr Kuns ist betrunken. Das Leben, das er nicht haben will, denkt Herr Hins. Er trinkt seinen Champagner und denkt dabei an den guten Single Malt, den er sich lange vom Munde abgespart hat und der nun in seiner kleinen Küche in seiner kleinen Wohnung in seiner kleinen Welt auf ihn wartete.

Herr Kuns lässt seinen Butler ein Feuerwerk abfackeln, das die vorlauten Nachbarskinder endgültig zum ehrfürchtigen Schweigen bringt. Statt dessen Händel. Feuerwerksmusik. Gloria und Herr Hins denken melancholisch an das vergangene Jahr. Herr Kuns denkt bei den Explosionen an geschäftliche Dinge. Danach verabschiedet sich Herr Hins von Herrn Kuns und Gloria. Herr Kuns muss morgen früh raus. Geheime Neujahrssitzeung im Vorstand. In Afrika feiert man kein Neujahr.

In seiner kleinen Wohnung in seiner kleinen Welt zündet Herr Hins Kerzen an, holt den Whisky aus seiner kleinen Küche und schenkt sich ein Glas ein. Er lässt sich in seinen Lieblingssessel fallen und denkt wieder an die guten Vorsätze. Nein. Er ist zufrieden. Keine Vorsätze. Er schaut auf die Uhr. Dann zur Tür. Es klingelt. Doch, einen Vorsatz gibt es. Er öffnet die Tür. Lächelt. „Komm rein, Gloria. Möchtest Du ein Glas Whisky?“

[m]eatery im Schnelldurchlauf

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700 Gramm purer Genuss

27. Dezember
Regennasse Autobahn
Vorfreude
Hamburg
Nachweihnachtliche Binnenalster
Drehbahn
[m]eatery
Hotel Side
Dry-Aged-Box
Rinderhälften
Freundliche Bedienung
Champagner-Minze-Holunderbeersaft
Prickeln auf der Zunge
Riesige Speisekarte
Bier
Modern-minz-braunes Ambiente
Kumamoto Malden Rock Oyster
Frische auf der Zunge
3 Bricks Tartar
Rind Classic
Kalb Mediterran
Thunfisch Orientalisch
Glück auf der Zunge
Husumer Weiderind
Dry-Aged T-Bone
700 Gramm
Beurre Café de Paris
Rosmarinkartoffeln
Waldpilze
Sauce Béarnaise
Medium Rare
Wonne auf der Zunge
Wonne auf der Zunge
Wonne auf der Zunge
Dessertkarten-iPad
Dreierlei Sorbet
Birne Basilikum
Weiße Schokolade!
Zwetschge
Kühle auf der Zunge
Cocktailkarte
Fine Peach (Pfirsich, Limette, Kefir)
Säure auf der Zunge
Gern bezahlte Rechnung
Ungetrübte Begeisterung
Note 1
Regen
Alsterspaziergang
Regennasse Autobahn

Fragen?
[www.meatery.de]

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Wampenbringende Weihnachtszeit

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Am heiligen Abend tunken wir verschiedenes Fleisch in Fett – Lecker

Am 23.12. erwachte ich um sieben. Unfreiwillig. Von meinem Funkwecker. Ich hatte frei, aber Weihnachten wollte nun endlich anfangen und bat mich, ihm frühzeitig entgegen zu reisen. Wenn schon das königliche Trio vor mehr als 2000 Jahren den Weg zum Stall der Erleuchtung fand, sollte ich jawohl zumindest in der Lage sein, ganz diszipliniert die siebenhundert Kilometer zu der Stätte hinter mich zu bringen, an der ich damals, an meinem ersten Tag, von keinem grellen Stern geblendet wurde, sondern vom kalten Neonlicht eines ganz gewöhnlichen Kreißsaals. Wie bei Nicht-Heiländen üblich. Nachdem ich also frisch geschniegelt und gebürstet meinen Wagen voll geladen und, dem Anlass entsprechend, pflichtgemäß an alte Weiber gedacht hatte, war ich um halb neun auf der freien Bahn. Mein rechter Fuß trat mich in Rekordzeit und erstaunlicherweise ohne Vorweihnachtsstockungen gen Norden. Am frühen Nachmittag erreichte ich mein Ziel. Ich war daheim.

Zuhause hatte ich heuer die Adventszeit ausgelassen. Keine Tannen, keine Kerzen, keine Kugeln, keine Weihnachtsmusik und: keine Lebkuchen. Nix. Am zweiten Advent hatte ich bei strahlendem Wetter sogar noch eine diätische Bergwanderung unternommen. Winteranfang war schließlich erst am Einundzwanzigsten. Und Weihnachtsanfang drei Tage später. Pedanten wenden jetzt ein, das es genau genommen vier Tage sind, denn schließlich ist der Fünfundzwanzigste der „erste“ Weihnachtstag. Der Tag davor ist ja nur der heilige Abend, nicht mehr und nicht weniger. Danke, liebe Pedanten. Zur Kenntnis genommen. Für mich bleibt er der nullte Weihnachtstag. Aber egal, jedenfalls fiel die Weihnachtisierung bis zu meiner Abreise aus. Im Auto lullte Sarah McLachlan mir die ersten Hinweise auf das große Fest entgegen.

Mit meiner Ankunft im Norden begann sowohl die sensorische als auch die nutritive Herausforderung. Weihnachten begrüßte mich ungeduldig mit der vollen Dröhnung. Es duftete. Es schmeichelte meinen Augen. Es tönte in meinen Ohren. Es schmeckte wunderbar. Es fühlte sich einfach rundum gut an. Überall Kerzen, Lichterketten, Engel aller Rassen. Radio Niedersachsen schickte die gesamte Schlagerbaggage ins Rennen. Wenn Roger Whittaker „Oh Tannenbaum“ quäkt, weigert sich sogar Shazam, dies als Musik anzuerkennen. Aber das gehört dazu. Torte mampfend sog ich alles in mich auf. Prächristmassale Reizüberflutung. Ich rief mich zur Räson: Denk dran, dass dir noch ein Geschenk fehlt, das du all die guten Gaben noch einpacken musst. Dann die Chronologie der Ernährung: Fondue, Weihnachtsgans, Lachsseite, Dry-Aged-Porterhouse, Hirschbraten. Und dazwischen in regelmäßiger Abfolge Kuchen, Kekse, Lebkuchen. Schmausend blicke ich nun immer wieder auf das riesige goldene Paket am Weihnachtsbaum. Ich weiß, das ist für mich. Manche Überraschungen müssen vorher abgestimmt werden. Befriedigt durch mein Wissen, greife ich skrupellos in die Lebkuchenschüssel, denn in besagtem Paket wartet ein Rudergerät darauf, die Auswirkungen der Weihnachtsvöllerei mit meiner körperlichen Unterstützung zu bekämpfen.

Aber bis dahin ist noch Zeit. Erstmal kommt morgen die Lachsseite dran. Weihnachten ist Familie. Familie ist Geselligkeit. Geselligkeit ist Essen. So ist der Lauf der Dinge. Und ich hoffe, dass die Dinge nicht irgendwann keuchend stehen bleiben. Lauft weiter, liebe Dinge.

Sönke klickt…

Bremen

Heute gibt es mal ein kleines Stückchen Prosa – nicht ganz neu aber auch nicht ganz alt. Für den NordMord-Award hatte es leider nicht gereicht. Die angegebenen Internet-Links sind natürlich reine Fiktion und führen ins Leere.

9. oder 10. Mai 2011

Es sind große Buchstaben. Größer als gewohnt. Sönkes Augen schmerzen, als säße er im Kino nur zehn Zentimeter vor der Leinwand. Er zittert. Was soll er nur machen? Durch das offene Fenster seines Büros erklingt das Klimpern der Fahnenmasten an der Strandpromenade. Es riecht nach gerade aufgeblühten Wildrosen. Für Sönke gibt es kein Urlaubsidyll, noch nicht einmal das ihn umgebende Büro. Alles ist vor ein paar Sekunden unwichtig geworden. Wann hatte Hanna angerufen und ihn zum Essen gerufen. Er hat kein Zeitgefühl mehr. „Flammkuchen mit Brokkoli“ hatte sie gesagt. „Ohne Speck oder Schinken“ hatte sie nicht gesagt, aber er wusste es auch so. Sönke ist Karnivor. Das Wort hat er vor einigen Tagen in seiner Hausarztpraxis beim Durchblättern der Zeitschrift „Fleisch“ entdeckt. Er verabscheut Brokkoli, hatte sich aber wegen Hanna trotzdem darauf gefreut. Auch sie geht ihm nicht mehr aus dem Kopf, seit er sie vor fünf Jahren aus der Ostsee gezogen hat. Ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden hatte er nach dem Telefon getastet und fahrig die Kurzwahl 1 gedrückt. „Ja, hallo Hanna, Sönke hier. Du, nicht böse sein, aber ich komme heute nicht zum Essen nach Hause. Tut mir leid, ich rufe Dich später wieder an.“ Ohne eine Antwort abzuwarten hatte er aufgelegt. Jetzt vergräbt er den Kopf in seinen Händen. Draußen wird es langsam dunkel. Oder wurde es schon wieder hell? Die weißen Wände des Raumes schimmern rosa. Um den Kopf freizubekommen geht Sönke zum Fenster, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Er schüttelt den Kopf. Am Himmel sind nur dunkle Wolken zu sehen. Der rote Schein komtt statt dessen von den riesigen Buchstaben auf seinem nagelneuen LCD-Bildschirm. Er dreht sich um und starrt wieder auf die zwei Worte, die alles verändern. Nichts wird je wieder so sein, wie es war. Er weiß nicht, wie es nun weiter gehen soll. Das Telefon gibt eine wirre Tonfolge von sich. „Fusion Haze“ heißt der Klingelton. Unerträglich. Sönke wirft einen Blick auf das Display. Hanna muss warten. Sie würde es eh nicht verstehen. Wie sollte sie auch? Er setzt sich wieder an den Schreibtisch und schaltet den Bildschirm aus. Doch die Buchstaben brennen auf seiner Netzhaut weiter. Es ist zu spät und es ist unwiderruflich. Apathisch hämmert er die beiden Worte immer wieder in die Tastatur.

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Seine Finger rutschen von der Tastatur, seine Hände rutschen vom Schreibtisch, sein Körper rutscht vom Stuhl. Noch bevor er mit dem Kopf auf dem Linoleumboden aufschlägt, rutscht auch sein Bewusstsein ins Leere.

12. August 2006

Heute war sein großer Tag. Er hatte es endlich geschafft. Sönke stand stolz auf der Gangway zu seinem Schiff und sah hinab auf das bunte Treiben entlang der Strandpromenade. „Ostsee in Flammen“ stand wie jedes Jahr auf dem Programm. Die Vorfreude steckte alle an. Einheimische, Touristen, Senioren, Kinder, Organisatoren und Sponsoren. Auch Sönke spürte das Kribbeln. Aber noch war es nicht so weit. Noch brannte die heiße Augustsonne vom Himmel. Erst um 23 Uhr würde das „schönste und spektakulärste Höhenfeuerwerk des Nordens“ gezündet werden. Für Sönke passte alles zusammen. Ein wenig hatte er das Gefühl, dass das Fest auch ein bisschen für ihn stattfand. Erst gestern kam er als frischgebackener hauptberuflicher Seenotretter nach Grömitz und stand nun vor seinem ersten Einsatztag auf dem 27-Meter-Seenotkreuzer. Er dachte zurück an all die Jahre, in denen er als kleiner Junge jedes Jahr mit dem elterlichen Wohnwagen nach Grömitz gekommen war. Schon wenn in der damaligen Wohnung in Celle die Koffer gepackt wurden, stand er schon früh morgens mit seinem gelben Pumuckl-Rucksack, vollgepackt mit Schaufeln, Förmchen und Spielzeugbaggern, an der Tür und konnte es nicht abwarten, bis alles im Auto verstaut war und es endlich losgehen konnte. Als er älter wurde, kam er mit Tanja, seiner ersten Jugendliebe, wieder hierher. Und immer wieder zog es ihn zu den grün-orangen Schiffen der Seenotrettung. Er konnte stundenlang auf der Bank am Kai sitzen und dem geschäftigen Treiben auf dem Boot zuschauen. Und wenn die „Bremen“ auslief, fuhr er in seiner Phantasie mit und stellte sich die Dramen vor, die draußen auf See abliefen. Und wenn das Schiff wieder einlief konnte er aus den Gesichtern der Besatzung den Ausgang ablesen. Und seit heute war er nun dabei. Er zog das zerknitterte Foto seiner Eltern aus der Brusttasche des roten Overalls und betrachtete es mit einer Mischung aus Freude und Trauer. Sie waren vor drei Jahren bei einem Segelunfall ums Leben gekommen und wurden nie gefunden. Das war damals der Tag, an dem für Sönke klar wurde, dass es für ihn nur einen einzigen Weg gab. Noch vor der Trauerfeier hatte er Kontakt zu den Seenotrettern aufgenommen und seine Koffer gepackt.
Eine schrille Sirene schreckte ihn aus seinen Erinnerungen. Ein Notruf. Sein Herz pochte bis zum Hals. Es ging los. „Leinen los“, hörte er sich rufen und nun war alles in ihm reine Konzentration.

8. Mai 2011

Hanna saß ihm gegenüber am Kiefernesstisch ihrer gemütlichen, schwedisch eingerichteten Zweizimmerwohnung im Blankwasserweg. Sie lächelte während sie ihr Brötchen mit Honig beträufelte. Gleich an seinem ersten Tag als Seenotretter hatte Sönke das blasse strohblonde Mädchen aus dem dunklen Ostseewasser gezogen und sie bis heute nicht mehr losgelassen. Das war nun schon fünf Jahre her. Sie war inzwischen Krankenschwester in den nahe gelegenen Mutter-und-Kind-Kliniken. Sönke hatte heute seinen freien Tag. Er war ganz und gar in seine Internetbroschüre vertieft. Seit heute hatte er endlich DSL und konnte es nicht erwarten, alles zum Laufen zu bringen. Hastig schlang er sein Spiegelei hinunter und warf Hanna einen entschuldigen Blick zu, während er ins Arbeitszimmer stürzte. Seine Freundin zwinkerte ihm verständnisvoll zu. „Ich gehe dann jetzt mit Silke an den Strand. Du kannst mich ja eh gerade nicht gebrauchen.“ Sönke steckte seinen Kopf aus der Tür und schmunzelte. „Komm nicht so bald wieder!“, flachste er und warf ihr eine Kusshand zu. Sie packte ihre Tasche und schloss lachend die Wohnungstür hinter sich. Eine Stunde später war Sönke in die virtuelle Welt eingetaucht. Er las alles, was er über Seenotretter fand und stieß dabei auf einen seltsamen Link. Er poppte plötzlich einfach so mitten auf dem Bildschirm auf:

http://www.seenot2003soenke.de

Sönke wurde kreidebleich. Sein Name. Und 2003, das Jahr, in dem seine Eltern verunglückt waren. Wie konnte das sein. Mit zitternden Händen schaltete er den Computer aus. Vorher speicherte er den Link aber noch als Lesezeichen ab. Er ging ins Wohnzimmer und starrte aus dem Fenster, sah aber nichts. Was hatte das zu bedeuten? Er wusch die Frühstücksteller in der Spüle ab, ohne zu bemerken, dass er statt Spülmittel Olivenöl benutzte. Er musste raus. Luft schnappen. Draußen ging er gedankenverloren am Haus des Kurgastes vorbei zum Strand und dann entlang der Promenade bis zur Strandhalle, wo die Seebrücke aufs Meer hinausführte. Hier traf er Hanna und Silke und gesellte sich zu ihnen. „Na, schon Muskelkater in den Fingern?“, fragte Hanna. Sönke rang sich ein Lächeln ab und zuckte mit den Schultern. „Ich hatte einfach Sehnsucht nach Dir.“ Ihre warme Hand auf seiner Schulter schaffte es, ihn zu beruhigen. Was immer das auch war, es war jetzt egal. Wahrscheinlich nur ein Zufall. Silke warf ihnen einen wissenden Blick zu und verabschiedete sich grinsend. Händchenhaltend liefen Sönke und Hanna zum Baden ins Meer.

Am nächsten Morgen fuhr Sönke nicht mit aufs Meer hinaus. Es gab einiges an Schreibkram zu erledigen. In den Sommermonaten passierte leider immer viel, so dass zwischen den Einsätzen oftmals keine Zeit für die Büroarbeit blieb. Heute hatte er sich den Tag dafür extra reserviert. Er holte sich einen Cappuccino aus dem uralten Automaten auf dem Flur und rümpfte wie jeden Tag angewidert die Nase. Aber besser als gar nichts. Dann öffnete er eine Schachtel Kekse und setzte sich aufgeräumt vor den Bildschirm, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Während der Computer hochfuhr, pfiff er leise vor sich hin und trommelte mit den Fingern auf den Armlehnen den Takt. Er war allein im Büro. Sein Kollege Frieder hätte ihn spätestens jetzt schief angeschaut und ihn gebeten, Ruhe zu geben. Aber Frieder war auf dem Schiff und so konnte er tun und lassen was er wollte. Als er gerade anfangen wollte, das Einsatzprotokoll vom Freitag zu verfassen, ertönte plötzlich eine quäkende Fanfare und auf seinem Bildschirm poppte ein Fenster auf.

http://www.seenot2003soenke.de – Tritt ein. Du hast keine Wahl!

Seine gute Laune war wie weggeblasen. Hatte er sich das doch nicht eingebildet, wie er es sich gestern immer wieder eingeredet hatte? Woher kam diese Botschaft. Woher wusste jemand, dass gerade er jetzt am Bürocomputer saß? Woher wusste jemand, dass er seit gestern zuhause einen neuen Internetanschluss hatte? Er nahm die Maus in die rechte Hand.

Sönke klickte.

Was sich dann auf dem Bildschirm aufbaute, verschlug ihm die Sprache. Es war ein Computerspiel, kitschig und bunt programmiert, untermalt von gemafreier Billigmusik. Alles sah ganz harmlos aus, wenn da nicht der Titel wäre. „Grömitz 2003: Rette das Segelboot“. Auf der linken Seite des Bildschirms blinkte das Wort „Vorspann“. Er konnte nicht anders.

Sönke klickte.

Das Büro um ihn herum war schlagartig dunkel. Die Sonne schien für ihn nicht mehr. Keine Geräusche drangen mehr an sein Ohr. Jede Zelle seines Körpers war eins mit dem Computer. Auf dem Bildschirm erschienen zwei Köpfe, ein Mann und eine Frau. Sie erzählten eine grauenhafte Geschichte, wie eine dunkle Wolke ihr Segelboot umschloss und sie beide hilflos zusehen mussten, wie der Mast brach und die hölzerne Kajüte zerbarst. Dann hätten sie nichts mehr gespürt und wären seitdem irgendwo zwischen Leben und Tod gefangen. Die Aufgabe des Spielers war, die Zeit zurückzudrehen, das Segelboot aus der Not zu erretten und so die Seelen der beiden Menschen zu befreien. Eigentlich eine schauerlich-schöne Handlung für ein Computerspiel, wenn da nicht der eine Haken gewesen wäre: Der Mann und die Frau waren Sönkes Eltern.
Mit Tränen in den Augen lehnte er sich einen Moment zurück. Auf dem Bildschirm blinkte das Wort „Weiter“.

Sönke klickte.

Als nächstes erschien die Spielanleitung. Es war eine Auflistung verschiedener Symbole und Tastenkombinationen. Alles war sehr realistisch und glich seinem Arbeitsalltag. Sogar das Steuerpult des Rettungskreuzers glich in allen Details dem seines Schiffs. Unter der Liste stand ein Satz, der Sönke spüren ließ, dass das hier nicht nur ein Spiel war.

Lieber Mitspieler. Mit diesem Spiel hast Du es in der Hand. Rette die Seelen der Verunglückten. Der Weg ist nicht leicht und Dein Einsatz ist hoch – sehr hoch. Press here to start the game!

Sönke war schon längst nicht mehr in dieser Welt. Tränenüberströmt und zitternd sah er verschwommen die blinkende Eingabeaufforderung. Er wusste, dass er keine Wahl hatte.

Sönke klickte.

10. Mai 2011

„Aber sie müssen doch etwas tun!“ schreit Hanna den Polizeibeamten an. „Er ist noch nie ohne Erklärung über Nacht weggeblieben. Er klang ängstlich am Telefon, aber ich dachte, er würde sich sicherlich noch mal melden. Das tut er immer.“ Ihre Stimme überschlägt sich. Sie ist schon am Büro der Seenotretter gewesen. Das Schiff war fort, die Bürotür verschlossen und die Jalousien heruntergelassen. Der Polizist sieht sie an und seufzt. „Na gut, sie geben ja doch keine Ruhe. Warten Sie einen Moment.“ Er geht zu seinem Schreibtisch, trinkt genüsslich und in Zeitlupe seine Kaffeetasse leer, zieht sich umständlich seine Uniformjacke an und ruft einen Kollegen, der ihn der Form halber begleiten muss. Lustlos führt er Hanna und den Kollegen zu seinem Einsatzfahrzeug und schlägt den Weg Richtung Hafen ein. Auf dem Rücksitz kommt Hanna sich wie eine Gefangene vor. Ist sie schuldig? Hat es vielleicht ganz harmlose Gründe? Vielleicht ein längerer Einsatz? Vielleicht hat er mit seinem Team nach einer erfolgreichen Aktion über den Durst gefeiert und liegt nun, friedlich seinen Rausch ausschlafend, in der Wohnung eines Kollegen? Das alles überzeugt sie nicht. Das Schiff war weg und alles war verrammelt. Nein, irgendetwas ist hier nicht in Ordnung.

Auf der Bank gegenüber dem Anlegeplatz des Rettungskreuzers sitzt ein junger Mann und schaut aufs Meer hinaus. Der Polizist geht auf ihn zu. „Wie lange sitzen Sie hier schon? Haben Sie irgendjemanden an der Station gesehen?“, fragt er den Mann. Dieser schaut müde und verwirrt auf. „Ich sitze seit gestern morgen hier. Ich sitze immer hier, wenn das Schiff ausläuft und warte bis es zurück kommt, um dann an den Gesichtern zu sehen, wie das Drama auf See ausging. Das Schiff ist schon seit gestern vormittag weg und ich habe nur einen Mann ins Büro gehen sehen.“
„Wann war das?“
„Gestern morgen gegen acht Uhr.“
Hanna wird bleich und zittert am ganzen Körper. Sie rennt den Polizisten voraus auf die Station zu und rüttelt schreiend an der Tür. „Sönke! Mach auf! Sönke!“
Der Polizist ist nun auch sicher, das etwas nicht stimmt und tritt die Tür des Büros ein. Durch die geschlossenen Jalousien fällt unruhiges Zwielicht. Auf dem Schreibtisch steht eine angebrochene Schachtel Kekse, sonst ist nichts Auffälliges zu sehen. Von Sönke keine Spur. Beim Verlassen des Büros fällt Hanna auf, dass der Drucker gerade anläuft und ein Blatt Papier auswirft. Sie greift danach und liest, ohne zu verstehen:

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Ein Schauer erfasst sie. In diesem Moment schließt sich eine dunkle Wolke um die Station der Seenotretter. Hanna hört, wie der Anlegesteg zerbirst.

Pizza denken – nicht essen!

Karges Mahl
So hatte ich mir mein Adventsessen nicht vorgestellt.

Heute muss ich mich mal ereifern. Dafür lasse ich sogar den Tatort sausen. Ich möchte dem geneigten Leser dazu eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte von einem großen deutschen Pizza-Service. Man erkennt ihn an dem schönen roten Logo und der Aufforderung, Pizza zu denken. Große Worte. Also, hier nun die Wahrheit über die denkende Systemgastronomie.

Ich bin seit Jahren Kunde. Großer Kunde. Die Produkte sind – ganz subjektiv gesehen – so lecker, dass ich, wenn ich mich nicht zwischen Pizza Scampi und Croque Parmaschinken entscheiden kann, unvernünftig und hungrig einfach beides bestelle. Das klappte auch lange Zeit. Doch dann, es ist nun ein paar Monate her, wartete ich eine Stunde mit triefendem Geifer auf meine Bestellung. Zögerlich rief ich an und fragte nach. Meine Online-Bestellung sei leider aus technischen Gründen verloren gegangen. Man könne aber jetzt die Bestellung neu aufnehmen. „Ist aber viel los heute, könnte eine Stunde dauern.“ Andere hätten da verständnislos aufgelegt. Ausnahmsweise Lieferung vorziehen? Sonderfahrt? Nichts. Ich aber hatte Hunger, leierte meine Wünsche geduldig in den Hörer. Als ich fertig war, verkündete die Beraterin, ich hätte den Mindestbestellwert von 19,95 Euro nicht erreicht. Den Mindestbestellwert von 19,95 Euro hatte ich noch nie erreicht. Ganz was Neues, dieser Mindestbestellwert von 19,95 Euro. Ich fahre zum Store weniger als 10 Minuten. Resultat der ganzen Aktion: HUNGER.

Zwischendurch sprach ich mit der PR-Beratung und der Store-Leiterin der Kette. Alle waren zuckersüß und nett.

Doch heute wurde es satirisch: Ich bestellte versöhnt per Telefon und gab an, dass ich kein Bargeld im Hause hätte und daher per EC-Karte zahlen würde. „Kein Problem!“. Der Bote kam, brachte zum einen den falschen Wein (günstigen Pinot Grigio obwohl der verdient teurere Poggio delle Faine auf der Rechnung stand) und zum anderen einen EC-Kartenleser, der seinen Dienst versagte. Was nun? Die Pizza roch verführerisch und wartete auf ihren Verzehr. Ich hatte mich schon mit ihr angefreundet. Aber erst einmal musste der arme Bote telefonieren. Was dann kam, ist nur schwer zu fassen: Der arme Bote nahm mir die verruchte Pizza und den falschen Wein aus der Hand und nahm alles wieder mit, weil ich ja nicht zahlen könne. „Wie bitte?“, dachte ich nur und benötigte einige Minuten um mich aus meiner Erstarrung zu lösen und betreten die Wohnungstür zu schließen. Und bis einschließlich zur Eingabe meines Pins hatte der Kartenleser noch mitgespielt. Ich werde meinen Kontostand genauestens überwachen.

Man muss sich das mal vorstellen: Weil des Lieferanten Technik nicht mitspielt, landet die leckere Pizza mit aller gebotenen Nachhaltigkeit jetzt in Joey’s Trash – upps, jetzt ist mir versehentlich der Name rausgerutscht – und ich muss hungern. Und auf meinen Adventswein verzichten. Gott sei Dank hab ich noch einen guten Whisky im Regal.

Prost und immer schön Pizza denken!

Eine Geschichte im Liegen

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Es war einmal ein Mann. Ja, so einfach kann das sein. Ein ganz gewöhnlicher, vielleicht etwas ungewöhnlicher Mann. Er lebte nicht nur in Saus, sondern auch in Braus, zudem noch im Allgäu und in der ständigen Sorge, etwas zu verpassen. Das lag in seinem Naturell. Ging er auf Dienstreise, sah er vor seinem inneren Auge seine Lieblingskollegen zum After-Work-Bierchen gemütlich vereint in seiner Lieblingskneipe. Musste er sich kurz mal entleeren, sah er die weltumwälzendsten Tweets lautlos an sich vorbei rauschen. Und war er etwa krank, dann konnte er sich nur schwer gesund schlafen, weil er hustend darüber nachsann, was er eigentlich alles zu tun gedacht hatte und nun nicht abarbeiten konnte.

Nun liegt er da und fragt sich, was um alles in der Welt nur los sei. Ist das die Hektik des informatorischen Zeitalters? Die Welt 2.0? Oder schon 3.0? Er hat ein wenig das Gefühl, den Anschluss verloren zu haben. Dabei ist er noch nicht mal 50. Er wickelt sich in seine pechschwarze Wolldecke ein und setzt sich zusammen mit einem befreundeten Glas Honigtee vor den Fernseher. Noch vor einer Woche gehörte die Tagesschau zu seinen alltäglichen Pflichten, heute wird er sie auslassen. Er weiß schon alles. Aus Twitter. Aus Facebook. Und von dem Minnesänger, der auf einer Tautologie reitend, unter dem Balkon die neueste Kunde mit seiner lauten Laute begleitet. Spätestens jetzt ist es gewiss: Das Fieber ist noch nicht wieder verschwunden. Er versucht noch immer, mit Kanonen und Standarten, Pauken und Trompeten, den Feldzug seiner Antikörperarmee gegen die rebellischen Eindringlinge aus dem dunklen Reiche Influenza zu gewinnen. Da ist das Fernsehen nicht hilfreich. Es lenkt nur vom Heilungsprozess ab.

Nun liegt er wieder. Unter Daunen. Er schließt die müden Augen und wartet auf den heilenden Schlaf. Aber irgendwo im Raum leuchten Lichter. Ein rotes und ein grünes, ganz wie die Augen des lustigen, reisgefüllten Frosches, den er in der Grundschule bei Frau Sieg zusammennähen musste. Rot? Handy. Grün? Notebook. Und jetzt ist diese Geschichte bei ihm angekommen und findet so ihr abruptes Ende.

2,8 Quadratmeter Freundschaft

Bett

Nur ein kurzer Text, denn mein einladendes Heiabettchen ruft mich: „Du bist müde und grippal infiziert, o Herr. Trink‘ ein Gläschen Wick MediNait und kuschle dich in mich. Denn morgen ist auch für dich ein neuer Tag voller Herausforderungen. Für mich fängt jetzt die Arbeit an, denn ich bin nur ein kleiner, hölzerner Vierbeiner, der unter schwerem Lattenrost leidet, und ich muss dich nun stundenlang durch die Nacht tragen. Beweg‘ dich nur nicht zu viel, sonst wachst Du von meinem Geächze auf. Und rede nicht wieder mit mir, ich höre dir eh nicht zu. In acht Stunden kann ich mich von dir ausruhen, was ich gar nicht erwarten kann. Also mach’s uns beiden nicht so schwer.“

Können Sie sich das vorstellen? Ich bin Arbeit und Belastung für ein leidendes Möbelstück. Wie kann ich mich erkenntlich zeigen? Unter ihm saugen? Ihm neue Klamotten kaufen? Einheitsgröße 140×200. Spannbetttuch. Spannend? Nein, verworren und verwirrt. Ich merke hier an, dass der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt sowie der Bulmer’s und der Lagavulin im „A Thousand Miles To Dublin“ sehr nahrhaft waren. Morgen wache ich wieder auf. Auf einem leblosen Möbelstück. Eigentlich schade.

Ho-Ho-Hoch auf die virtuellen Märkte

O du Fröhliche
O Du besinnliche Vorweihnachtszeit

Ich war am Sonnabend einkaufen. Gezielt. Ohne Stöbern. Und es ging noch nicht mal um ein Weihnachtsgeschenk. Ich war zum Essen eingeladen und hatte einen Gastgeschenkgeistesblitz, so dass ich ganz gezielt losziehen konnte. Darob gut gelaunt stieg ich in mein Auto, fuhr in die Innenstadt und enterte das Parkhaus des Einkaufszentrums, in dem sich alle Geschäfte tummeln, die Geschenkejäger fette Beute riechen lassen. Sorgenfrei fuhr ich bis ganz nach oben, sicher, aufgrund des Detailwissens um meine Kaufabsichten schnell wieder raus zu sein. Erste dunkle Gedanken umnebelten meinen Optimismus, als sich die Parkplatzsuche selbst hier ganz oben schwierig gestaltete. Aber ich hatte Erfolg, und hurtete direkt zum Buchhandel meines Vertrauens.
Auch hier herrschte ein waberndes Gewimmel, durch das ich mich jedoch nicht beirren ließ. Gezielt spurtete ich zu den Bestsellern, denn um einen solchen handelte es sich bei dem Objekt meines Kaufwunsches. Doch ach, ich fand es nicht. Langsam bröckelte meine wenn schon nicht vorweihnachtliche dann immerhin doch samstägliche Wochenendlaune. Denn ich brauchte Beratung. Die Schlange war lang. Die Mehrheit der Bürger meiner Stadt geht direkt zum Berater, ohne sich vorerst selbst um die Suche zu kümmern. Oder besser die Suchen, denn mindestens vier Artikel standen auf den Wunschzetteln ihrer Lieben.
Verdrossen harrte ich aus, bis der nette junge Mann mich anlächelte. Ich legte ihm meinen Wunsch dar und er wuselte los, fand das Wunschbuch erst nicht, obwohl es ja ein Bestseller war. Doch dann kam er strahlend mit dem Wälzer zurück. Ich hatte mich gewieft schon in die Kassenschlange gestellt. Es gab zwei Kassen. Eine war besetzt – allerdings mit zwei Personen. Einer Profiin und einer Auszubildenden, der schließlich erst einmal alles erklärt werden musste. An dieser Stelle möchte ich nüchtern anmerken, dass es sich um den dritten Adventssonnabend handelte.
Aber auch diese Verzögerung führte irgendwann zum ersehnten Erfolg. Erstaunlicherweise kam ich beim Alsgeschenkeinpacken sofort an die Reihe. Nun, das liegt vielleicht an meiner Unhöflichkeit, ein Buch sofort einschlagen zu lassen, ohne vorher eine Widmung hineinzuschreiben, wie es sich eigentlich gehört. Im Nachhinein ist mir das unangenehm, aber das ist eine andere Geschichte. Ich hatte nun meine Tüte mit alsgeschenkverpacktem Buch meiner Wahl in der Hand und stapfte durch das lebendig gewordene Wimmelbild zum Parkautomaten. Parkmünze rein. Heute freies Parken. Frage: Warum dann die Parkmünze? Antwort zehn Minuten später: Das Parkhaus war für weitere Besucher aufgrund der Überbelegung geschlossen. Niemand kam rein. Und raus. Letzteres würfelte meinen engen Terminplan vollends durcheinander. Aufgrund der Parkmünzen und der dazugehörigen Schranken geriet ich in einen pikanten Stau im 45%-Gefälle. Nichts ging mehr. Eine Generation später war ich endlich draußen und als alter Mann kehrte ich durch den gestauten Verkehr nach Hause zurück.

Warum ich das alles berichte? Nun, ich erlaube mir zu summieren: Hinfahrt: 15 Minuten, Parkplatzsuche: 10 Minuten, Parkmünze erstehen: 5 Minuten, Warten auf den netten Mann: 10 Minuten, Warten an der Kasse: 10 Minuten, Alsgeschenkeinpacken: 5 Minuten, Parkmünze freischalten: 5 Minuten, Parkhausstau: 35 Minuten, Heimfahrt: 25 Minuten. Macht in Summe: 120 Minuten, in Worten: zwei Stunden.

Zuhause fiel mir noch ein Buch ein, diesmal als Weihnachtsgeschenk. URL eingegeben, Buchtitel in die Suche, One-Click-Shopping, Bestellbestätigung. Zeitbedarf: vier Minuten. O Du Fröhliche! Wenn die lächelnden Buchhändler wenigstens Glühwein ausgeschenkt oder zumindest Plätzchen gereicht hätten. Hatten sie aber nicht.

Unter den Teppich gekehrt…

Fliegender Teppich
– Wiktor Michailowitsch Wasnezow, „Fliegender Teppich“ (1880) –

Hochfloriges aus deutschen Wohnzimmern

Er verleiht vielen Wohn- und Schlafzimmern Gemütlich- und Behaglichkeit. Er gibt krabbelnden Kindern und Insekten aller Art eine Heimat. Er diente vermutlich auch Ali Baba und mindestens vierzig anderen Orientalen als Fortbewegungsmittel und zahlreichen Mafiosi als Verpackungsmaterial für jene Klienten, die gerne „bei die Fische schlafen“. Die Rede ist vom meistverwendetem Bodenbelag der Welt – dem Teppich.

Was hat man nicht alles versucht, um Ersatz für ihn zu finden. Man schnitt Steine in Scheiben, sägte Bäume flach und klebte sogar verschiedene Papiere aufeinander, um diese dann mit einem falschen Holzdekor zu bedrucken. „Laminat“ war lange Zeit das Zauberwort bei Häuslebauern und Inneneinrichtern. Zweifellos haben all diese Lösungen ihren Reiz; man denke da nur an die Hygiene und die Praktikabilität, die jeder Hausfrau ein Lächeln aufs überarbeitete Gesicht zaubert.

Auch wenn die Bretter, die die Welt bedeuten, am ehesten mit dem Parkett zu vergleichen sind, auch wenn auf glatten Böden neue Besen besser kehren: Der Teppich wird immer seinen Platz in deutschen Wohnungen behalten. Denn er ist Legende, sozusagen der textile Stoff, aus dem die Träume sind. In früheren Zeiten nutzten ihn die edlen Herren sogar als Wandschmuck, und noch heute dient die rote Variante als Zeichen der Ehrerbietung beim Empfang hochrangiger Personen der Zeitgeschichte. Ganze Völker – ob Bauer, Lehnsherren oder Prinzen – nutzten den weichen Untergrund für ihren Kniefall vor Kaiser, König, Edelmann und Pabst, und in nahezu allen Kulturen gehörten Weberei und Knüpferei zu den ehrenwertesten Berufen ihrer Zeit.

Schaut man sich die persischen und nordafrikanischen Teppichmuster genauer an, so erzählt jedes einzelne Exemplar seine eigene Geschichte. Jede geometrische Form, jede abgebildete Figur hat eine historisch überlieferte Entsprechung und sagt vieles über den Auftraggeber und seine Herkunft aus. Darüber gibt es ganze Abhandlungen, die zu studieren dem Leser selbst überlassen sein soll. Der Teppich als Chronologie der Ereignisse im Umfeld ganzer Generationen.

Heute ist das anders. Sowohl physisch als auch metaphorisch wird in unserer modernen Welt vieles „unter den Teppich gekehrt“. Abgesehen von ausufernden Bio-Kulturen, die angesichts mangelnder Teppichreinigung den Linksdrehern aus probiotischen Joghurtmischungen durchaus – allerdings in schädlicherer Form – das Wasser reichen können, führte die zunehmende Individualisierung der letzten Jahrhunderte zu einer immer selektiveren Kommunikation zwischen den Menschen. Das Privatleben ist tabu. Dass beispielsweise neben Bett, Bärenfell, Besenkammer und Autorücksitzen auch der Teppich als Grundlage der bevölkerungspolitischen Expansion dient – ganz im Gegensatz zu den harten Alternativbelägen – wird zunehmend verschwiegen, eben unter den Teppich gekehrt. All die großen und kleinen Geheimnisse werden nicht auf glänzenden Planken präsentiert, sondern verschwinden unter den verfilzten Strukturen menschlicher Verschlossenheit. Auch bei Hempels hat alles unterm Teppich angefangen. Aber es wurde zu viel. Der Platz reichte nicht aus, so dass ein Sofa herhalten musste, unter dem sich weitaus mehr verbergen ließ.

Der Teppich ist weich und warm, ganz wie ein gemütlicher Hamburger aus der US-Systemgastronomie. Er steht für Wärme und Geborgenheit, auch wenn hin und wieder der Krach eines Staubsaugers die meditative Stille durchbricht. Fliesen und Parkettböden sind kalt und unnahbar. Aus Steinen werden Grabsteine gemacht und aus Holz Särge. Aber soweit muss man gar nicht assoziieren. Man rufe sich nur den schwäbischen Brauch der Kehrwoche ins Gedächtnis. Verhärmte alte Frauen, die – mit sich und der Welt nicht im Reinen – durch den Türspion spähen und genauestens darüber Buch führen, ob jeder Mitbewohner seinen Pflichten nachkommt. Für harte Böden braucht man Besen. Und auch wenn diese in der Literatur bisweilen wichtige Rollen innehatten (In die Ecke, Besen, Besen. Seyd’s gewesen. Denn als Geister ruft Euch nur, zu diesem Zwecke, erst hervor der alte Meister…), so diente der Besen doch Jahrhunderte lang der Fortbewegung von verschlagenen Hexen. Ganz im Gegensatz zum Teppich, der orientalischen Fürsten mit bestem Leumund zu Diensten war.

Kalter Stein, splitterndes Holz oder weiche Fasern im Wohnzimmer? Mir fällt die Entscheidung nicht schwer. Ein Teppich ist Geschichte. Laminat ist allenfalls modern.

Bleibt am Ende nur die Frage nach der etymologischen Herkunft des englischen Begriffes „carpet“. Das Auto als Haustier? Meine Garage hat – da sie nur einer Maschine dient – einen Boden aus Stein. Und so soll es auch bleiben.

Jörn Erdmann, 14. April 2009
(Dieser Text entstand auf einem Schreibseminar der Akademie der bayerischen Presse. Wir erhielten ein Wort – in meinem Falle „Teppich“ – und hatten 30 Minuten Zeit, uns darüber auszulassen)