Ho-Ho-Hoch auf die virtuellen Märkte

O du Fröhliche
O Du besinnliche Vorweihnachtszeit

Ich war am Sonnabend einkaufen. Gezielt. Ohne Stöbern. Und es ging noch nicht mal um ein Weihnachtsgeschenk. Ich war zum Essen eingeladen und hatte einen Gastgeschenkgeistesblitz, so dass ich ganz gezielt losziehen konnte. Darob gut gelaunt stieg ich in mein Auto, fuhr in die Innenstadt und enterte das Parkhaus des Einkaufszentrums, in dem sich alle Geschäfte tummeln, die Geschenkejäger fette Beute riechen lassen. Sorgenfrei fuhr ich bis ganz nach oben, sicher, aufgrund des Detailwissens um meine Kaufabsichten schnell wieder raus zu sein. Erste dunkle Gedanken umnebelten meinen Optimismus, als sich die Parkplatzsuche selbst hier ganz oben schwierig gestaltete. Aber ich hatte Erfolg, und hurtete direkt zum Buchhandel meines Vertrauens.
Auch hier herrschte ein waberndes Gewimmel, durch das ich mich jedoch nicht beirren ließ. Gezielt spurtete ich zu den Bestsellern, denn um einen solchen handelte es sich bei dem Objekt meines Kaufwunsches. Doch ach, ich fand es nicht. Langsam bröckelte meine wenn schon nicht vorweihnachtliche dann immerhin doch samstägliche Wochenendlaune. Denn ich brauchte Beratung. Die Schlange war lang. Die Mehrheit der Bürger meiner Stadt geht direkt zum Berater, ohne sich vorerst selbst um die Suche zu kümmern. Oder besser die Suchen, denn mindestens vier Artikel standen auf den Wunschzetteln ihrer Lieben.
Verdrossen harrte ich aus, bis der nette junge Mann mich anlächelte. Ich legte ihm meinen Wunsch dar und er wuselte los, fand das Wunschbuch erst nicht, obwohl es ja ein Bestseller war. Doch dann kam er strahlend mit dem Wälzer zurück. Ich hatte mich gewieft schon in die Kassenschlange gestellt. Es gab zwei Kassen. Eine war besetzt – allerdings mit zwei Personen. Einer Profiin und einer Auszubildenden, der schließlich erst einmal alles erklärt werden musste. An dieser Stelle möchte ich nüchtern anmerken, dass es sich um den dritten Adventssonnabend handelte.
Aber auch diese Verzögerung führte irgendwann zum ersehnten Erfolg. Erstaunlicherweise kam ich beim Alsgeschenkeinpacken sofort an die Reihe. Nun, das liegt vielleicht an meiner Unhöflichkeit, ein Buch sofort einschlagen zu lassen, ohne vorher eine Widmung hineinzuschreiben, wie es sich eigentlich gehört. Im Nachhinein ist mir das unangenehm, aber das ist eine andere Geschichte. Ich hatte nun meine Tüte mit alsgeschenkverpacktem Buch meiner Wahl in der Hand und stapfte durch das lebendig gewordene Wimmelbild zum Parkautomaten. Parkmünze rein. Heute freies Parken. Frage: Warum dann die Parkmünze? Antwort zehn Minuten später: Das Parkhaus war für weitere Besucher aufgrund der Überbelegung geschlossen. Niemand kam rein. Und raus. Letzteres würfelte meinen engen Terminplan vollends durcheinander. Aufgrund der Parkmünzen und der dazugehörigen Schranken geriet ich in einen pikanten Stau im 45%-Gefälle. Nichts ging mehr. Eine Generation später war ich endlich draußen und als alter Mann kehrte ich durch den gestauten Verkehr nach Hause zurück.

Warum ich das alles berichte? Nun, ich erlaube mir zu summieren: Hinfahrt: 15 Minuten, Parkplatzsuche: 10 Minuten, Parkmünze erstehen: 5 Minuten, Warten auf den netten Mann: 10 Minuten, Warten an der Kasse: 10 Minuten, Alsgeschenkeinpacken: 5 Minuten, Parkmünze freischalten: 5 Minuten, Parkhausstau: 35 Minuten, Heimfahrt: 25 Minuten. Macht in Summe: 120 Minuten, in Worten: zwei Stunden.

Zuhause fiel mir noch ein Buch ein, diesmal als Weihnachtsgeschenk. URL eingegeben, Buchtitel in die Suche, One-Click-Shopping, Bestellbestätigung. Zeitbedarf: vier Minuten. O Du Fröhliche! Wenn die lächelnden Buchhändler wenigstens Glühwein ausgeschenkt oder zumindest Plätzchen gereicht hätten. Hatten sie aber nicht.

5 Gedanken zu “Ho-Ho-Hoch auf die virtuellen Märkte

  1. Anonymous schreibt:

    Entgegen aller Unkenrufe, Scheideressays und Sickglossen lebt die deutsche Sprache: „hurten“, „Profiin“, „beim Alsgeschenkeinpacken“, „alsgeschenktverpacktem [sic!] Buch“. So viele Neologismen, das gefällt mir genauso wie die Tatsache, dass Sie trotz deutlich spürbarer süddeutscher Einflüsse, den andächtigen „Adventssonnabend“ beschwören, denn der Adventssamstag, den Sie hier dem Stresstest unterziehen, klingt hingegen arg kapitalistisch, eisekalt und wenig kontemplativ – und als genau das entlarven Sie ihn ja auch.

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    • Garlaban schreibt:

      Herzlichen Dank, lieber Leser. Wir müssen gemeinsam an der Erhaltung des Sonnabends arbeiten, denn die südlichen Einflüsse nehmen auch im hohen Norden zu. Lassen Sie uns eine Front bilden. Den von Ihnen aufmerksamerweise entdeckten Tippfehler erlaube ich mir, flugs zu korrigieren.

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  2. Anonymous schreibt:

    Versuchsberichtigung

    Zwar nicht der weiße Hai, aber immerhin der wortweise Wolf.

    Ergo: Schneideressay. Schneideressay. Schneideressay.

    in memoriam Roy

    Brody: [drunk] I’m tellin‘ ya, the crime rate in New York’ll kill you. There’s so many problems, you never feel like you’re accomplishing anything. Violence, rip-offs, muggings… kids can’t leave the house – you gotta walk them to school. But in Amity one man can make a difference. In 25 years, there’s never been a shooting or a murder in this town.

    Hooper: Fascinating. Want a pretzel?

    Brody: Where are we?

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