Lyrik 3: Ein Ghasel*

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Dichternacht

Punkt Mitternacht schlägt es, welch fahlweiße Zeiten,
das Mondlicht fällt traurig auf büttene Seiten.

Der Blick zu den Sternen, Gedanken, die fliegen,
doch keiner davon kann mir Freude bereiten.

Wo führt mich das hin, o das Ziel ist vernebelt,
das Schwarz und das Weiß gleichen steten Gezeiten.

Aus Tinte und Feder sonst Epen entsprießen,
doch nun lässt die Metrik den Teufel mich reiten.

Fast blank ist die Seite, und doch schon vier Strophen,
ich muss mit dem Herz, nicht dem Hirne, arbeiten.

Die Zeit schreitet fort und die Träume mich rufen,
so lasst uns dem Ganzen ein Ende bereiten.

Der Blick in die Nacht, die unendliche Ferne,
Ich reite hinaus, lass‘ das Schicksal mich leiten.

So schlafet denn wohl, meine Freunde und Feinde,
Die Nacht spielt ihr Lied auf den silbernen Saiten.

(Jörn Erdmann)

*Das Ghasel ist eine aus dem südasiatischen Raum (insbesondere Persien) stammende literarische Gattung, die seit dem 19. Jahrhundert hin und wieder auch in der deutschsprachigen Lyrik anzutreffen ist. Das Ghasel besteht aus einer beliebigen Anzahl zweizeiliger Strophen, deren zweiter Vers immer den in der ersten Strophe verwendeten Reim wieder aufnimmt. Man spricht daher auch vom rührenden oder wiederkehrenden Reim: a a – b a – c a – d a – e a. Die Strophen folgen hier der Form des daktylischen Tetrameters.

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