Unter den Teppich gekehrt…

Fliegender Teppich
– Wiktor Michailowitsch Wasnezow, „Fliegender Teppich“ (1880) –

Hochfloriges aus deutschen Wohnzimmern

Er verleiht vielen Wohn- und Schlafzimmern Gemütlich- und Behaglichkeit. Er gibt krabbelnden Kindern und Insekten aller Art eine Heimat. Er diente vermutlich auch Ali Baba und mindestens vierzig anderen Orientalen als Fortbewegungsmittel und zahlreichen Mafiosi als Verpackungsmaterial für jene Klienten, die gerne „bei die Fische schlafen“. Die Rede ist vom meistverwendetem Bodenbelag der Welt – dem Teppich.

Was hat man nicht alles versucht, um Ersatz für ihn zu finden. Man schnitt Steine in Scheiben, sägte Bäume flach und klebte sogar verschiedene Papiere aufeinander, um diese dann mit einem falschen Holzdekor zu bedrucken. „Laminat“ war lange Zeit das Zauberwort bei Häuslebauern und Inneneinrichtern. Zweifellos haben all diese Lösungen ihren Reiz; man denke da nur an die Hygiene und die Praktikabilität, die jeder Hausfrau ein Lächeln aufs überarbeitete Gesicht zaubert.

Auch wenn die Bretter, die die Welt bedeuten, am ehesten mit dem Parkett zu vergleichen sind, auch wenn auf glatten Böden neue Besen besser kehren: Der Teppich wird immer seinen Platz in deutschen Wohnungen behalten. Denn er ist Legende, sozusagen der textile Stoff, aus dem die Träume sind. In früheren Zeiten nutzten ihn die edlen Herren sogar als Wandschmuck, und noch heute dient die rote Variante als Zeichen der Ehrerbietung beim Empfang hochrangiger Personen der Zeitgeschichte. Ganze Völker – ob Bauer, Lehnsherren oder Prinzen – nutzten den weichen Untergrund für ihren Kniefall vor Kaiser, König, Edelmann und Pabst, und in nahezu allen Kulturen gehörten Weberei und Knüpferei zu den ehrenwertesten Berufen ihrer Zeit.

Schaut man sich die persischen und nordafrikanischen Teppichmuster genauer an, so erzählt jedes einzelne Exemplar seine eigene Geschichte. Jede geometrische Form, jede abgebildete Figur hat eine historisch überlieferte Entsprechung und sagt vieles über den Auftraggeber und seine Herkunft aus. Darüber gibt es ganze Abhandlungen, die zu studieren dem Leser selbst überlassen sein soll. Der Teppich als Chronologie der Ereignisse im Umfeld ganzer Generationen.

Heute ist das anders. Sowohl physisch als auch metaphorisch wird in unserer modernen Welt vieles „unter den Teppich gekehrt“. Abgesehen von ausufernden Bio-Kulturen, die angesichts mangelnder Teppichreinigung den Linksdrehern aus probiotischen Joghurtmischungen durchaus – allerdings in schädlicherer Form – das Wasser reichen können, führte die zunehmende Individualisierung der letzten Jahrhunderte zu einer immer selektiveren Kommunikation zwischen den Menschen. Das Privatleben ist tabu. Dass beispielsweise neben Bett, Bärenfell, Besenkammer und Autorücksitzen auch der Teppich als Grundlage der bevölkerungspolitischen Expansion dient – ganz im Gegensatz zu den harten Alternativbelägen – wird zunehmend verschwiegen, eben unter den Teppich gekehrt. All die großen und kleinen Geheimnisse werden nicht auf glänzenden Planken präsentiert, sondern verschwinden unter den verfilzten Strukturen menschlicher Verschlossenheit. Auch bei Hempels hat alles unterm Teppich angefangen. Aber es wurde zu viel. Der Platz reichte nicht aus, so dass ein Sofa herhalten musste, unter dem sich weitaus mehr verbergen ließ.

Der Teppich ist weich und warm, ganz wie ein gemütlicher Hamburger aus der US-Systemgastronomie. Er steht für Wärme und Geborgenheit, auch wenn hin und wieder der Krach eines Staubsaugers die meditative Stille durchbricht. Fliesen und Parkettböden sind kalt und unnahbar. Aus Steinen werden Grabsteine gemacht und aus Holz Särge. Aber soweit muss man gar nicht assoziieren. Man rufe sich nur den schwäbischen Brauch der Kehrwoche ins Gedächtnis. Verhärmte alte Frauen, die – mit sich und der Welt nicht im Reinen – durch den Türspion spähen und genauestens darüber Buch führen, ob jeder Mitbewohner seinen Pflichten nachkommt. Für harte Böden braucht man Besen. Und auch wenn diese in der Literatur bisweilen wichtige Rollen innehatten (In die Ecke, Besen, Besen. Seyd’s gewesen. Denn als Geister ruft Euch nur, zu diesem Zwecke, erst hervor der alte Meister…), so diente der Besen doch Jahrhunderte lang der Fortbewegung von verschlagenen Hexen. Ganz im Gegensatz zum Teppich, der orientalischen Fürsten mit bestem Leumund zu Diensten war.

Kalter Stein, splitterndes Holz oder weiche Fasern im Wohnzimmer? Mir fällt die Entscheidung nicht schwer. Ein Teppich ist Geschichte. Laminat ist allenfalls modern.

Bleibt am Ende nur die Frage nach der etymologischen Herkunft des englischen Begriffes „carpet“. Das Auto als Haustier? Meine Garage hat – da sie nur einer Maschine dient – einen Boden aus Stein. Und so soll es auch bleiben.

Jörn Erdmann, 14. April 2009
(Dieser Text entstand auf einem Schreibseminar der Akademie der bayerischen Presse. Wir erhielten ein Wort – in meinem Falle „Teppich“ – und hatten 30 Minuten Zeit, uns darüber auszulassen)

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