’n Satz heiße Ohren: Walk Off The Earth

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Morgens um halb sieben im Allgäu. Ein müder Mensch hadert die Treppe herunter zu seinem Auto. In der einen Hand eine kleine Reisetasche, in der anderen das Treppengeländer, damit er nicht herunterfällt, sollte er versehentlich wieder einschlafen. Im Auto dann schnell wach, da das vermaledeite Navi heute auch mit dem falschen Kabel aufgestanden ist. So fing alles an. Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen. Schnell noch den Mitfahrer in Kaufbeuren abgeholt und ab auf die Autobahn. Berlin. Walk Off The Earth. Kann losgehen.

Um halb zwei kamen wir am Hotel an, freuten uns über den netten Service dort, parkten das Auto und marschierten los. Standardprogramm. Potsdamer Platz, Tiergarten, Schloss Bellevue, Spreeufer, Kanzleramt, Reichstag, Brandenburger Tor, Stelenfeld. Und die Sonne sorgte für den richtigen Glanz in der Stadt, in der am nächsten Tag der Gauckler einziehen sollte. Zwischen Steigbügel und Amboss formierte sich ein Wurm: Fendrichs „Frühling in Berlin“ wollte mir nicht mehr aus dem Kopf. Der präsidiale Neuanfang erhielt von Petrus einen strahlenden Rahmen. Die Pause im „Biergarten“ gegenüber des Kanzleramtes war überflüssig. Ich empfahl dem Serviceleiter mit aller Arroganz, die ich aufbieten konnte, sein Personal zu Schulungszwecken nach München zu schicken. Auch im Frühling kann ich ohne ein gewisses Maß an Misanthropie nicht existieren.

Abends dann der Marsch zum Platz der Luftbrücke. Kann mir einer sagen, was der Mann im Gemüsekebapwagen richtig macht, dass er durchgehend über eine Kaufwilligenschlange unerhörter Länge verfügt? Mir war diese zu lang, so dass ich es nie erfahren werde. Dann standen wir vor dem C-Club und verharrten voller Vorfreude auf die YouTube-Sieger 2012 (über 70 Mio. Klicks für „Somebody that I used to know“). Ich habe einen Vertrag mit Eventim, auf dem schwarz auf mint „Einlass: 19:00 Uhr“ steht. Mangelnde Organisation sorgte für Vertragsbruch und erhebliche Verspätung. Doch endlich drinnen, dauerte es nur eine Weizenbierlänge bis Prinzessin Mia Diekow auf der verspielt glitzernden Bühne erschien und fröhlich loszwitscherte (nein, liebe Nerds. Sie schrieb keine Tweets. Zu meiner Zeit nutzte man das Wort „zwitschern“ auch als Synonym für „singen“). Schöner, ungewöhnlicher, innovativer Mädchen-Pop, der ins Ohr und ins Gemerk ging. Ein guter Anfang.

Dann kam W.O.T.E. Die Fans kreischten ohrenbetäubend, bevor es überhaupt losging. Und da waren sie auch schon, kamen auf die Bühne geturnt, warfen sich Ukulelen zu, und Sarah Blackwood drehte sich wie ein Brummkreisel, tanzte Gogo-like auf den Boxen herum und warf ständig Instrumente ins Publikum. Gianni und Marshall brüllten sich harmonisch die Kehle aus dem Leib und die gute Laune kochte geradezu über. Ich alter Mann hingegen war wohl der einzige, der nicht aus dem Häuschen herauskam. Ich hatte mich auf die filigrane Kunst der aus YouTube bekannten, virtuosen Spielereien gefreut und dabei vergessen, dass es sich hier um eine erfahrene Indie-Band mit eigenen Songs und CDs handelte. Sie spielten nicht die spaßigen Coversongs sondern ihre spaßigen Heavy-Reggae-Nummern. Auch schön, auch perfekt umgesetzt, die Arrangements grandios, die komplizierten Vocals auf den Punkt. Aber eben nicht ganz das, was ich erwartet hatte. Und es war dem Singer-Songwriter-Opa aus dem Allgäu etwas zu laut. Die Zugabe war dann entschädigenderweise der heiß ersehnte Unigitarro-Hit. Das Publikum grölte mit und alle waren glücklich, auch wenn ich hier nicht verschweigen möchte, dass ich auch recht froh war, dass die Gefahr von Myrinxfissuren nun gebannt war. Die freudigen Pfiffe des Publikums begleiteten mich aber noch bis zum Frühstück.

Auf dem Weg zurück in die Herberge, kehrten wir noch beim Italiener ein. Pasta salmone ai funghi porcini e vino bianco. Grande! Buonna notte, Berlin!

Die Bildergalerie gibt’s hier!

Nachtrag: Ich wurde gerade von einer Kollegin über den Gemüsekebapmann aufgeklärt, ich Banause. Hier die umwerfende Website.

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