Der perfekte 150-Euro-Tag in Lüdinghausen

Das „Ja 2012“ lieferte Bettina Schausten. Vorangegangen war ihr Vorschlag, Freunden, bei denen man übernachtet, als Anerkennung 150 Euro pro Nacht zu zahlen. Ihr Gegenüber, immerhin vom Range des deutschen Bundespräsidenten, reagierte mit der ungläubigen Gegenfrage, ob Frau Schausten dies denn auch bei ihren Freunden so mache. Ihr wie aus der Pistole geschossenes „Ja“ regt zum Nachdenken an.

Es liegt mir fern, Witze darüber zu machen oder sogar zu urteilen. Das übernehmen andere, die sich damit besser auskennen. So beschwerte sich die Deutsche Knigge-Gesellschaft, es gezieme sich nicht, Freunden Geld für Übernachtungen im privaten Gästezimmer anzubieten. Man revanchiere sich vielmehr bei passender Gelegenheit für die Gastfreundschaft, etwa mit Blumen oder durch eine Gegeneinladung.

Was mich nachdenklich macht ist die Höhe des von Frau Schausten genannten Betrages. 150 Euro pro Nacht. Die ZDF-Journalistin kommt aus dem westfälischen Lüdinghausen, ein beschaulicher Ort voller Geschichte und einer von zehn Orten, die als „cittaslow“ der Vereinigung der lebenswerten Städte angehört. Grund genug für einen ganz speziellen Besuch – den perfekten 150 Euro-Tag.

Burg_Vischering_bei_Lüdinghausen,_2

Es ist zehn Uhr morgens. Ich stehe am Lüdinghausener Ortschild. Das ist sie also, die Drei-Burgen-Stadt und der Geburtsort von Bettina Schausten, ohne die ich diese Reise nie angetreten hätte. Voller Vorfreude auf den perfekten Tag parke ich in der Münsterstraße direkt vorm Hotel Borgmann’s, an dessen Fassade einladend das Niedersachsenross prangt. Ich checke ein und zahle im Voraus. Eine Nacht im Einzelzimmer: 49 Euro. Kaching! Rest: 101 Euro.

Ich bringe mein Gepäck aufs Zimmer und tauche danach in die Geschichte des Ortes ein. Die Hermannstraße entlang über den hübschen Marktplatz zieht es mich zur spätgotischen St. Felizitaskirche mit ihrem auffälligen, trutzigen Turm. Im Café Schmitfranz gönne ich mir eine Tasse Kaffee. 2 Euro. Kaching! Rest: 99 Euro.

Mittagessen fällt heute aus, denn ich habe noch etwas ganz Besonderes vor. Aber erst einmal geht es weiter. Am Hake-Haus vorbei, erreiche ich die erste der drei Burgen, die Burg Wolfsberg. Bereits 1271 erwähnt, steht heute leider nur noch der Herrenhausflügel. Aber immerhin. Nach der Besichtigung des Judenfriedhofs und der alten Posthalterei stehe ich nun vorm Rathaus. Ich setze mich auf eine Mauer und lasse das Alltagsleben der Lüdinghausener auf mich wirken. Ich stelle mir vor, wie die kleine Bettina hier ihr Lieblingseis geschleckt hat. Ob sie wohl damals schon ihren Beruf in den Adern hatte? War sie Klassensprecherin? Vielleicht leitete sie die Schulzeitungsredaktion? Wer weiß. Vielleicht ist die ältere Dame, die mit ihrem Einkaufswagen an mir vorbei läuft, ihre Mutter? Oder ihre alte Klassenlehrerin? Wer weiß. Viel weiß ich nicht über Frau Schausten. Nur, dass ich gerne ihre Wahlsendungen im ZDF schaue. Welchen Sieger sie wohl im September 2013 interviewen darf? Wer weiß.

Ich erhebe mich von meinem Mäuerchen und schreite dem Höhepunkt des Stadtrundgangs entgegen, der Burg Lüdinghausen. Nach ausgiebiger Besichtigung geht’s weiter zum St. Antoniuskloster und dann zur dritten Burg, der majestätischen Burg Vischering, die vielen Philatelisten noch von der 1978er 90-Pfennig-Marke bekannt ist. Ein krönender Abschluss. Mittlerweile ist es fünf Uhr nachmittags. Zeit, sich im Hotel umzuziehen, denn im Gegensatz zu den Gästen von Frau Schausten freue ich mich ja wie schon erwähnt noch auf etwas ganz Besonderes. Um Punkt sechs verlasse ich das Hotel.

Eine halbe Stunde später stehe ich vor dem „Rosin“ im gut dreißig Kilometer entferten Dorsten. Zwei Michelin-Sterne, 18 Gault-Millau-Punkte. Über seine Fernsehauftritte hat Frank Rosin sein Handwerk keinesfalls vergessen. Das Drei-Gänge-Menu ist unvergesslich: Marinierter Thunfisch und Brillat Savarin mit Imperial Kaviar. Dann Brust und Rilette von der Gressingham Ente mit Orange, geschmortem Wirsing und weißem Pfefferschaum. Zum Abschluss Lebkuchen und Manjari-Schokolade mit Winter-Orangen und gefrorenem Schaum von edelsüßem Wein. Begleitet werde ich von zwei befreundeten Gläsern Wein nach Empfehlung der bewundernswerten Susanne Spies.

Dem aufmerksamen Servicepersonal erkläre ich, warum ich einen so krummen Betrag gebe. Die Kellnerin lächelt breit und Frank Rosin, der im Restaurant nach dem Rechten sieht, noch etwas breiter. 99 Euro. Kaching! Rest: 0 Euro. Aber das ist okay, denn es ist spät, ich bin satt und glücklich und morgen wartet noch ein schönes westfälisches Frühstück auf mich. Denn das war im Hotelpreis natürlich inklusive.

Danke Frau Schausten für diesen perfekten Tag. Ohne Sie hätte ich das hübsche Städtchen Lüdinghausen und die Gaumenfreuden des Restaurants Rosin nie kennengelernt. Und nicht böse sein: Ich werde zeit meines Lebens niemals bei Ihnen zu Hause übernachten.

Ein Gedanke zu “Der perfekte 150-Euro-Tag in Lüdinghausen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s